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Das Stengelglas von Säben
Seit dem späten 6. Jahrhundert n. Chr. besiedeln germanische Stämme auch die Täler südseitig des Alpenhauptkammes. Hier treffen sie auf die einheimische, mittlerweile romanisierte Bevölkerung. Einheimische Romanen und eingewanderte Germanen leben großteils friedlich zusammen. Darauf lassen Gräberfelder schließen, in denen sowohl germanische als auch romanische Gräber nebeneinander liegen. Aus dem Grab einer Romanin vom Gräberfeld Säben stammt ein kostbares Stengelglas. Das grünstichige, kelchförmige Trinkglas ist geblasen und datiert in das 6. Jahrhundert n. Chr.
- Glasklar
- Unter die Lupe genommen – Glasherstellung
- Frühmittelalterliche Bestattungen
- Christen oder Heiden?
Glasklar
Wie zahlreiche technische Neuerungen nimmt auch die Glasherstellung im Vorderen Orient ihren Anfang. In Ägypten und Mesopotamien tauchen bereits in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. erste Glasgefäße auf. Sie sind in so genannter Sandkerntechnik hergestellt. Dabei wird ein Tonkern in eine zähflüssige Glasmasse getaucht und diese durch Rollen auf einer Platte geformt. Der Hohlraum entsteht beim nachträglichen Zerstören des Tonkerns. Die Technik des Glasblasens entwickeln syrische Glasmacher hingegen erst im 1. Jahrhundert v. Chr.
In Mitteleuropa begegnen erste Glasobjekte während der Eisenzeit in Form von Armreifen. Sie sind aus bunter Glaspaste hergestellt und bei den Kelten sehr beliebt. Mundgeblasene Trinkgläser und Glasflaschen finden ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. Eingang in römische Haushalte. Mundgeblasene Stengelgläser wie jenes aus Grab 102 von Säben wurden noch im 6. Jahrhundert n. Chr. den Verstorbenen mit ins Jenseits gegeben.
Unter die Lupe genommen – Glasherstellung
Wie der römische Gelehrte Plinius berichtet, wird Rohglas aus möglichst reinem Quarzsand mittels Soda als Flussmittel und unter Zusatz von härtendem Kalk im Ofen bei etwa 1300º Celsius hergestellt. Der von Natur aus grünblaue Glasbrei konnte durch Zusatz von Metalloxiden gefärbt werden. Für die Produktion von transparentem Glas färbte man den Glasbrei hingegen mit Braunstein.
Die Entwicklung der Glasmacherpfeife erleichterte die Produktion von dünnwandigen, „glasklaren“ Gefäßen. Nun konnten vielfältige Formen fabriziert werden. Die Gläser, Flaschen und Krüge trugen Verzierungen aus bunten Glasfäden oder Glasnuppen. Die Produktion ging schneller und damit preiswerter vor sich. Produkte aus Glas erfreuten sich ab römischer Zeit rasch größter Beliebtheit.
Frühmittelalterliche Bestattungen
Während des europäischen Frühmittelalters begegnen in den südlichen Alpentälern zwei unterschiedliche Bestattungsbräuche. Die einheimische romanisierte Bevölkerung ist bereits länger christianisiert. Gemäß den neuen Glaubensvorstellungen bestatteten diese Alpenromanen ihre Verstorbenen ohne Beigaben. Der christlichen Jenseitsvorstellung zufolge brauchte es diese nicht mehr. Lediglich wenige persönliche Schmuckgegenstände oder ein einfaches Eisenmesser gelangte mit in die Gräber.
Demgegenüber stehen die Bestattungen der germanischen Zuwanderer, die sich ab der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts dauerhaft in Norditalien und dem Alpenraum niederließen. Langobarden, Franken und Baiern statteten ihre Toten weiterhin mit Beigaben aus. Männer und Frauen wurden in ihrer vollständigen Tracht bestattet. Dazu gehörten Fibeln, Gürtel, Schmuck und Amulette. Zusätzlich gab man den Männern ihre Waffen mit ins Jenseits.
Christen oder Heiden?
Im Laufe des 7. Jahrhunderts n. Chr. breitete sich der christliche Glaube mehr und mehr auch unter jenen Germanen aus, die seit dem späten 6. Jahrhundert in Oberitalien und dem Alpenraum siedelten. Langobardische und bairische Herrscher traten stellvertretend für ihre Völker zum neuen Glauben über. Dennoch bestattete die germanische Bevölkerung noch über Generationen hinweg ihre Verstorbenen nach althergebrachter Sitte mit Beigaben für das Jenseits. Dazu zählten bald auch Gegenstände mit christlichen Symbolen. So etwa Goldblattkreuze in Gräbern der langobardischen Oberschicht. Auch Gürtelbeschläge trugen mitunter christliche Motive. Man sicherte sich für das Leben im Jenseits sozusagen doppelt ab. Am Beginn des 8. Jahrhunderts n. Chr. endete die Beigabensitte auch bei den germanischen Bevölkerungsgruppen.


